Fußball WM 2010

© Joscha Kamp

Am 11. Juni war es wieder einmal so weit, das Rudelgucken zur diesjährigen Fußball-Weltmeisterschaft in der alten Lukaskirche startete voll durch. Doch bevor das erste Spiel der deutschen Mannschaft im Kirchsaal live übertragen werden konnte, wurde hinter den Kulissen wochenlang organisiert, geplant, geschleppt, eingekauft und... sich gefreut auf ein Riesenereignis, dessen krönender Abschluss natürlich erst für den 11. Juli nach einem gewonnenen Finale ersehnt wird. Die Mitarbeiter des Wichernhauses bereiteten alles vor: ein neuer Grill wurde besorgt, Grillgut und Getränke bestellt und abgeholt, eine Theke und ein Biergarten gebaut, alles technische Equipment für das erste Gruppenspiel eingerichtet und der Saal dekoriert. Wertmarken mussten gestempelt werden und ein Tippspiel wurde organisiert. Schließlich war es so weit und wir wurden belohnt. Und zwar nicht nur durch einen furiosen Sieg der deutschen Elf gegen Australien sondern auch durch die vielen Gäste, die gleich zum ersten Spiel unseren Saal stürmten. Über 150 Menschen kamen: Erwachsene, Jugendliche, Gemeindemitglieder, Geschäftsleute, Konfirmanden, Nachbarn, alte Bekannte und neue Menschen und auch einige unserer Public Viewing - Partner aßen Würstchen, feierten und bliesen in die Vuvuzelas, dass es die Vorfreude auf das nächste Spiel noch größer werden ließ. Das zweite Spiel gegen Serbien am Freitagmittag lockte zudem viele Familien mit Kindern zu uns, das Wetter war gut, das Ergebnis des Spieles bekanntlich nicht so wirklich. Doch zum dritten und entscheidenden Gruppenspiel gegen Ghana waren alle wieder da, um ihre Mannschaft in schwarz-rot-gold anzufeuern und ließen es sich ein weiteres Mal nicht nehmen, Schals, Perücken, Fahnen und Schminke mitzubringen, um deutlich zu zeigen, wen sie heute siegen sehen wollten - mit Erfolg. Das erste „Endspiel“ war geschafft, und das zweite folgte auf dem Fuße: Achtelfinale gegen England, was für ein Klassiker! Ich brauche, glaube ich, nicht zu erwähnen, wie das Stimmungsbarometer stieg und stieg mit jedem einzelnen Tor. Wer schon einmal von Euch und Ihnen eines dieser Spiele gesehen hat, kann sich vielleicht erinnern an eine Frau am Grill. Das bin ich. Meistens stehe ich dort auch während des Spiels. Nicht nur übrigens, weil es etwas zum aufräumen, vorbereiten oder vorgrillen gibt. Und auch nicht nur, weil ich es gar nicht aushalten kann, 45 Minuten voller Spannung auf einem Stuhl zwischen den vielen Menschen zu sitzen. Sondern eben auch, weil die Stimmung, die in diesen Minuten des Spiels über dem Hof, dem Stadtteil, der ganzen Stadt liegt, einzigartig ist. Kein Auto fährt. Überall sieht man Fernseher hinter den Fensterscheiben flimmern. Aus dem Saal hört man dumpf den Fernsehkommentator, einige Rufe. Doch kommt es zu einem Torschuss mit erfolgreichem Ausgang, hört man es heran rollen wie eine tosende Welle. Die Stimmen und Rufe werden lauter, sie werden immer mehr, die ersten Kreischen, dann - nur einem Moment - bleibt das Geräusch stehen, nur um im nächsten Augenblick zu explodieren mit Geschrei, Getröte und lautem Jubel. Jedesmal habe ich Gänsehaut, freue mich, jubel mit und möchte rein in den Saal...oder doch nicht? Nein, ich bleibe draußen, lege neue Würstchen auf den Rost und warte auf das nächste Tor.

Ich wünsche mir, dass wir noch immer im Spiel sind, wenn diese Zeitung erscheint und auch noch ein paar Tage darüber hinaus. Wie gesagt, ich steh am Grill. Nur, falls mir jemand während einem der nächsten Spiele mal Gesellschaft leisten möchte...!