Shadow of the future - Schatten der Zukunft

 

Fast ein Jahr nach dem Gewinn des vom Landesministeriums ausgeschriebenen Wettbewerbes „Vision 2025“ traten 12 glückliche Gewinner des Wichernhauses ihre Reise an: eine Woche Israel gemeinsam mit zwei weiteren jugendlichen Siegergruppen, einem Vertreter des Ministeriums und 2 Vertretern der organisierenden Peter-Maffay-Stiftung. Eine Woche Israel mit einem großen Programm, für ein kleines Land, das dafür über umso mehr historische, religiöse und politische Schauplätze verfügt. Eine Woche Israel mit der Möglichkeit, mit politischen Größen diskutieren zu dürfen. Eine Woche Israel, um Land und Leuten näher zu kommen, sie und ihre Lebensumstände kennenzulernen, von sich selbst zu erzählen und dabei auch Dingen aus der eigenen deutschen Vergangenheit zu begegnen.

Die Reise begann am 17.10. bei nasskaltem Nieselwetter auf dem Köln/Bonner Flughafen. Wir trafen auf die anderen Mitreisenden, die nur sehr kurz Fremde blieben. Bereits nach 4 Stunden Flugzeit und einem Temperaturumschwung von geschmeidigen 25°C bestieg eine Gruppe kurz nach Mitternacht  den Bus, der uns eine Woche lang sicher durch das halbe Land fuhr, der mit jedem Meter bewusst wurde, dass ein gemeinsames Abenteuer vor uns lag. Ein Abenteuer, dessen Ausmaß mir zum ersten Mal wirklich bewusst wurde, als ich am nächsten Morgen die Vorhänge meines Zimmerfensters zur Seite schob. Was ich sah war gleißende Helligkeit in einem Meer aus Nichts! So weit mein Auge reichte sah ich Steine, Büsche, Erde bis zum Horizont. Es war gigantisch. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht einmal, dass ich mich bei Masada ca. 400m unter dem Meeresspiegel befand und sich  in meinem Rücken ein riesiges Bergmassiv erhob!

Dieser Moment ist bezeichnend für die ganze Woche genau deshalb, weil es sich wie ein roter Faden durch die ganze Woche zog, dass ich jeden Abend im Bett lag und die Eindrücke des Tages im Kopf kreisten wie ein Bienenschwarm, zu unglaublich, um wahr zu sein.

Nahezu jeden Abend waren wir Gast in einem neuen Youth Hostel und den ganzen Tag fuhr uns unser treuer Busfahrer Nathan von einer Sehenswürdigkeit zum nächsten Treffen und zur übernächsten Stadt. Wir badeten im Toten Meer und den König-David-Quellen, fuhren durch das Jordantal und besuchten die Ausgrabungsstätte Ben She´an. Bei Sonnenuntergang waren wir auf den Golan Höhen. Wir übernachteten in einem Hostel am Fuße des Sees Genezareth, sahen Tiberias und Pekiin, ein kleines Dorf mit langer Geschichte. Wir machten einen Ausflug in die palästinensischen Gebiete nach Ramallah und trafen dort zu einem Gespräch Hannah Ashravi. Wir hatten eine Tour durch Yad-Vashem, die Holocaust-Gedenkstätte und besuchten das Kinder Museum in Holon mit einer interaktiven Ausstellung. Eine Nacht schliefen wir in einem Kibbutz. Natürlich sahen wir viel von Jaffa, Tel Aviv und Jerusalem.  Unser Reiseleiter Dr. Shmulik Lahar begleitete uns über viele Tage und zeigte uns viele Facetten des Landes und eben auch der Städte. Wir alle hätten uns keinen besseren Reiseleiter wünschen können. Er verfügt über ein immenses historisches Wissen, dass er mit Humor und Detailverliebtheit an die Jugend zu bringen verstand und der als Jude im heutigen Israel uns auch immer mal mit einer persönlichen Geschichte zum Nachdenken brachte. Er führte uns durch die Jerusalemer Altstadt und wir sahen die Grabeskirche in unmittelbarer Nachbarschaft zur dortigen ev. Erlöserkirche, die Klagemauer, den Felsendom und jede Menge Geschichte. Wir besuchten die Knesset. In Tel Aviv trafen wir den ehemaligen israelischen Botschafter Simon Stein und den deutschen Botschafter Dr. Kindermann. Der Journalist und Buchautor Ulrich Sahm lud uns in sein Haus zum Abendessen ein. In Jaffa besuchten wir das neu erbaute Peres Peace Center und trafen zu einem Gespräch den dortigen Direktor Ron Pundak. Diese Einrichtung hat es sich zum Ziel gesetzt, den Frieden im Nahen Osten und gerade zwischen den Israelis und Palästinensern zu fördern. Eindrücklich sprach er mit uns als Jugendgruppe über unsere Rolle im großen gesellschaftlichen und politischen Spiel. Für ihn ist die Gegenwart der Schatten der Zukunft. Was heute geschieht und was heute „wahr“, ist maßgeblich für das Kommende. Eigentlich kein neuer Gedanke, doch unter dem Aspekt der Jugendbegegnung betrachtet, für mich ein zentraler Satz nicht nur für diese Reise. Zentral war für die Jugendlichen sicher die Begegnung mit den israelischen und palästinensischen Jugendlichen. Gemeinsam verbrachten wir eine Nacht im Kibbutz Revadim. Aus anfänglicher Scheu und grob gebastelten englischen Sätzen entstanden buchstäblich über Nacht Freundschaften. Seit unserer Abreise wird täglich übers Internet kommuniziert und die Rückbegegnung im Jahr 2011 wird von allen schon heute herbei gesehnt.

Mein Text ist lang geworden und doch so unvollständig. Vielleicht haben Sie ein bisschen von meiner Begeisterung über die Reise und Faszination für dieses Land heraus gehört. Seihen Sie sich sicher: Sie ist noch viel größer! Ich möchte hier schließen mit einem Satz aus einem Brief eines Mädchens 1944 in einer Flüchtlingssituation. Ein Satz, den ich in Yad-Vashem hörte, der aber meiner Meinung nach nichts an Aktualität verloren hat, weder im krisenreichen Israel noch bei uns:

“ Ich weiß nicht wann, aber es werden bessere Zeiten kommen. Ihr müsst versprechen, dass ihr die Toten nicht vergesst. Baut ihnen ein Monument. Aber nicht aus Steinen, sondern aus guten Taten.“